Präzision statt Zufall: Die Arbeit der Pistenprofis von Corviglia

In den letzten Jahren war das Thema Schneemangel immer wieder Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Dank technischer Beschneiung können die Pisten auch bei weniger Schneefall zuverlässig präpariert werden. So kommen alle Wintersportler auch in schneeärmeren Jahren auf ihre Kosten. Doch was auf den ersten Blick selbstverständlich wirkt, erfordert hinter den Kulissen aufwendige Planung und exakte Präzision. Im Interview erzählen uns Armon Godly, Leiter Unterhalt, Thomas Freitag, Fahrerchef und Erwin Graf, Leiter Pistenfahrzeuge der Engadin St. Moritz Mountains AG, wie präzise Abläufe, erfahrene Fahrer und moderne Technik Hand in Hand gehen, um optimale Pistenverhältnisse zu bieten.

Armon, wie hat sich die Schnee- und Pistenproduktion in den letzten Jahren entwickelt bzw. verändert?

In den letzten Jahren hat sich in diesem Bereich enorm viel getan. Heute ist alles viel technischer. Systeme wie «SnowSat» ermöglichen, die Schneehöhe präzise zu überwachen und gezielt zu steuern. Früher wurde nach Erfahrungswerten gearbeitet und grosszügiger beschneit.

Zudem hat sich die Natur verändert. Die Kältephasen, in denen wir Schnee produzieren können, sind eher kürzer geworden, sodass exakt geplant werden muss. Ein wichtiger Schritt war daher der Bau der beiden Naturspeicherseen auf Corviglia, die genügend Wasser für die technische Beschneiung vorhalten.

Mit der diesjährigen Fertigstellung des zweiten Naturspeichersees Nair Pitschen hat sich die Wassersituation grundlegend verändert. Welche konkreten Vorteile bringt die Verwendung des Wassers aus den Seen für die Beschneiung im Skigebiet?

Der grösste Vorteil ist, dass wir kein Wasser mehr aus dem Tal heraufpumpen müssen. Wir sind nun wassermässig autark und können die Beschneiung frühzeitig abschliessen. Das schafft Planungssicherheit und garantiert, dass die Pisten rechtzeitig in perfektem Zustand für unsere Gäste bereitstehen. Zudem hat sich der Stromverbrauch deutlich verringert, da das Wasser nicht mehr energieintensiv nach oben gepumpt werden muss.

Damit aus Schnee eine sichere Piste wird, braucht es viele Arbeitsschritte. Kannst du mir den Ablauf von der Produktion über die Vorbereitung bis hin zur fertigen Piste einmal erklären?

Die Vorbereitung einer Piste beginnt lange bevor die ersten Skifahrer unterwegs sind. Bereits ab Mitte September werden die Schneeerzeuger an den vorgesehenen Stellen platziert. Sobald die Temperaturen ausreichend tief sind, startet die technische Beschneiung. Später mischt sich Naturschnee dazu. Damit der Schnee die ideale Konsistenz erreicht, lässt man ihn zwei bis drei Tage «ruhen». In dieser Zeit trocknet er leicht aus, wird weniger hart und vermischt sich gleichmässiger. Danach verteilen die Fahrer die produzierten Schneehaufen mit den Pistenmaschinen, fahren die Fläche gründlich ein und verdichten sie. Anschliessend werden die Pisten markiert und abgesichert.

Thomas, wer am Morgen als Erster seine Schwünge zieht, sieht nur das fertige Ergebnis. Doch bis dahin war die Nacht über harte Arbeit nötig. Wie viele Menschen und Maschinen sind bei euch im Einsatz, bis die Pisten morgens um 7.45 Uhr parat sind?

Insgesamt stehen für die Pistenpräparation auf Corviglia 16 Pistenfahrzeuge bereit. 15 grosse und eine kleinere Maschine. In jeder Nachtschicht sind ebenso viele Fahrer im Einsatz. Unser Team besteht aus 25 Personen, darunter eine Fahrerin. Dank dieses starken Teams können wir bei längeren Einsätzen problemlos wechseln und eventuelle Ausfälle kompensieren, ohne dass es zu Verzögerungen kommt.

Erwin, die Aufbereitung der Skipisten ist ein komplexer Prozess, bei dem viel zusammenspielen muss. Was sind die Herausforderungen bei der Schnee- und Pistenpräparation, während der Saison?

Eine der grössten Herausforderungen ist das Wetter. Sowohl Naturschnee, der oft sehr weich ist, als auch technischer Schnee, der Zeit zum Austrocknen benötigt, müssen sorgfältig aufbereitet werden. Auch die Zeitfenster sind begrenzt. Schneit es spät, beginnen wir mit der Präparation oft erst mitten in der Nacht statt am späten Nachmittag.

Ein weiterer Faktor ist die Technik. Zwar erleichtern moderne Pistenfahrzeuge und Systeme wie «SnowSat» die Arbeit enorm, sie stellen jedoch auch neue Anforderungen. Deshalb bieten wir regelmässig interne Schulungen an. Denn nur wer die Maschinen und Systeme beherrscht, kann ihr volles Potenzial nutzen.

Die Technik entwickelt sich also ständig weiter. Wie siehst du die Zukunft der Pistenpräparation?

Trotz aller technischer Innovationen glaube ich nicht, dass eine vollautomatische Pistenpräparation bald Realität wird. Ein Beispiel für eine derartige Entwicklung ist die Landwirtschaft, wo Felder bereits ohne Fahrer bewirtschaftet werden. Anders als auf einem gleichmässigen Feld verändert sich die Schneedecke bei uns jedoch ständig, sodass der Fahrer weiterhin individuell entscheiden muss, wohin wie viel Schnee geschoben wird. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass Fahrer zukünftig mit zwei Maschinen arbeiten können: Mit der ersten fährt er voraus, während die zweite folgt und optimiert. Auch alternative Antriebe wie vollelektrische Maschinen sind interessant. Tests haben jedoch gezeigt, dass ihre Leistungsfähigkeit für den anspruchsvollen Einsatz bei der Pistenpräparation in unserem Skigebiet derzeit noch bei weitem nicht ausreicht.


Aus den Antworten wird deutlich, wie viel Erfahrung, Teamarbeit und technisches Know-how erforderlich sind, um perfekte Pisten zu schaffen. Es zeigt sich, dass die stetige Dynamik der Natur alle Skigebiete vor immer neue Aufgaben stellt. Auf die Frage, ob diese stetige Dynamik der Natur neue Herausforderungen oder Chancen für ihre Arbeit mit sich bringt, antworten Armon, Thomas und Erwin, dass sie zwar immer wieder vor neuen Herausforder­ungen stehen, diese jedoch durch die sich bietenden Chancen übertroffen werden.


www.mountains.ch

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