von Malin Müller, Geschäftsleiterin und Chefredaktorin QUALITYTIMES & SNOWTIMES
Drei Männer, ein System: Wie Technik den Berg am Laufen hält
Wenn der Sommer ausrollt, beginnt hinter den Kulissen die heikelste Phase: Grossrevisionen fertigstellen, Dokumentationen abschliessen, Probeläufe planen. Was nach Routine klingt, ist Feinarbeit im Spannungsfeld von strengen Vorschriften, Wetterkapriolen und immer längeren Betriebszeiten. Für SNOWTIMES haben Andreas Sturzenegger (Leiter Technik Arosa, Mitglied der Geschäftsleitung), Othmar Kurath (Leiter Bahnen Lenzerheide, Mitglied der Geschäftsleitung) und Curdin Meier (Bereichsleiter Technik Nord Lenzerheide) erzählt, wie sie Sicherheit organisieren, Notfälle beherrschen und Projekte in alpinem Gelände umsetzen.
Was ist Ihre Hauptfunktion als Leiter Technik der Arosa und Lenzerheide
Bergbahnen?
Andreas Sturzenegger: Vereinfacht gesagt: den Berg am Leben halten – und zwar so, dass wir bei Bedarf sofort reagieren können (lacht). Wir verantworten den sicheren Betrieb der Transportanlagen, inklusive Energieversorgung und Infrastruktur bis hin zum Wasser für sanitäre Anlagen.
Othmar Kurath: Zudem kommt ein grosser Projektteil hinzu: Wir bereiten Umbauten vor, begleiten die Realisierung und führen neue Anlagen in den Betrieb.
Andreas Sturzenegger: Die Auflagen sind über die letzten Jahre deutlich strenger geworden – damit wächst die Büroarbeit und wir als Leiter Technik verbringen die grösste Zeit im Büro und selbstverständlich ist auch die Mitarbeiterführung ein grosser Teil unserer Aufgabe.
Wie ist die Personalstruktur, ganzjährig vs. saisonal?
Othmar Kurath: In der Lenzerheide beschäftigen wir rund 25 Jahresmitarbeitende. Während der Wintersaison wird auf zwischen 130 bis 150 Mitarbeitende aufgestockt. Rund 70 Prozent der Saisoniers kehren zurück, was enorm wertvoll fürs Know-how ist.
Andreas Sturzenegger: Bei uns zählt die Technik 23 Festangestellte und im Winter wächst das Team auf rund 86. In Arosa liegt die Wiederkehrquote bei etwa 50 Prozent. Ich beobachte auch einen Generationenwechsel. Seit der Corona Pandemie arbeiten viele pensionierte oder frühpensionierte Einheimische und Zweitwohnungsbesitzer bei uns, diese Mitarbeitenden sind sehr wertvoll. Zudem haben wir dieses Jahr viele Studienabgängerinnen und -abgänger, früher waren es vermehrt Lehrabgängerinnen und -abgänger.
Othmar Kurath: Es gibt auch viele Leute, die einmal eine Auszeit vom Alltag brauchen und wir sprechen hier von hochqualifizierten Personen. Wir bieten ein schönes Arbeitsumfeld mit der Verbundenheit zur Natur.

Was geschieht in der Sommersaison mit den Anlagen? Ein Teil läuft, viele stehen. Wie funktionieren Instandhaltung, Service und Wartungen?
Andreas Sturzenegger: Im September sollten die Grossrevisionen weitgehend abgeschlossen sein. Alle jährlich vorgeschriebenen Checks müssen bis Ende November durchgeführt und kontrolliert sein. Die zeitintensivsten Arbeiten beginnen direkt nach der Wintersaison – so nutzen wir das Sommerfenster von Juni bis September bestmöglich.
Othmar Kurath: Für die Instandhaltung arbeiten wir mit einer Instandhaltungssoftware. Anhand dieser Software können wir uns orientieren, was bei welcher Anlage ansteht. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Software auch korrekt und regelmässig gepflegt werden muss.
Wie sieht eine Wartung denn konkret aus? Wie ist das Vorgehen und wie oft werden die Anlagen gewartet?
Othmar Kurath: Die Instandhaltung ist auf eine Software gestützt, die für jede Anlage genau vorgibt, wann welche Arbeiten, beziehungsweise Instandhaltungen anfallen. Darin sind bestimmte Turnusse für Wartungen hinterlegt. Die drei Schlagworte der Instandhaltung sind: Inspektion, Wartung und Reparatur. Und als vierte Säule die Mitarbeitenden Führung – denn ohne klare Verantwortlichkeiten funktioniert Instandhaltung nicht. Wichtig ist auch die Nachverfolgung: Jede erledigte Arbeit wird von der Leitung nochmals geprüft.
Andreas Sturzenegger: Die grosse Kunst unseres Jobs ist die Instandhaltungsplanung. Das heisst: ein ausgewogenes Instandhaltungsbudget aufstellen, Arbeiten in sinnvolle Pakete schnüren, Turnusse einhalten, die richtigen Mitarbeitenden zur richtigen Zeit einplanen und Spezialistinnen und Spezialisten so einsetzen, dass weder Leerlauf entsteht noch an kritischen Stellen jemand fehlt. Wartung ist deshalb nie nur Schmieren und Schrauben, sondern immer auch Personal- und Budgetarbeit über die ganze Saison hinweg.

Und wie sieht das während der Saison aus? Wie oft werden die Anlagen geprüft?
Andreas Sturzenegger: Jeden Morgen prüfen wir die Anlagen umfassend, bevor der Gästebetrieb startet; zusätzlich laufen Wochen- und Monatskontrollen. Bestimmte Arbeiten lassen sich nur bei Tageslicht sicher ausführen. Darum wird der Betrieb der Anlagen jeweils um 16.30 Uhr eingestellt – eine Entscheidung zugunsten der Sicherheit.
Welche Sicherheitsauflagen gelten für die Anlagen?
Curdin Meier: Viele (lacht).
Othmar Kurath: Bei uns greift alles ineinander. Eine Bahn ist immer als Gesamtsystem gedacht – entsprechend vielseitig sind die Vorgaben.
Andreas Sturzenegger: Seilbahnen sind in den sicherheitsrelevanten Teilen mit Mehrfachsicherung konzipiert. Vereinfacht gesagt hat jedes sichere Element drei Ebenen der Absicherung. Man kann sich das so vorstellen: Ein Element kann der Prozess des Bremsens sein. Zum Beispiel 1. elektrisches Anhalten mit Motor, 2. geregeltes Bremsen mit einer Scheibenbremse (ABS), 3. Sicherheitsbremse (ungeregelte Bremsbacken Schliessung). Zeigt bereits die erste Ebene eine Unregelmässigkeit, stellen wir den Betrieb ein und beheben die Ursache – auch wenn draussen die Sonne scheint. Dank regelmässiger Kontrollen und geschulten Augen erkennen wir häufig früh, wenn sich irgendwo etwas anbahnt. Ein Drahtbruch in einem Förderseil ist zum Beispiel noch kein Weltuntergang aber man hat ein Indiz dass wir an dieser Stelle den Intervall der Kontrolle erhöhen sollten oder eine Sanierung der Stelle bereits andenken für eine nächste Revisionsphase.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung – Fernüberwachung, Automatisierung, Datenanalyse?
Curdin Meier: In Sachen Digitalisierung ist die Seilbahnbranche nicht bei den Vorreitern. Aber wir haben einen grossen Schritt gemacht: Unsere Instandhaltung läuft heute über Software, die Teams arbeiten mit Tablets statt mit Papierlisten. Auch die Steuerungen haben sich weiterentwickelt. Wenn irgendwo eine Störung auftritt, kann die technische Leitung vom Büro aus in die Diagnose schauen. Bedienen dürfen wir die Bahn aus der Ferne nicht, aber wir sehen die Fehleranzeigen sofort – das spart Wege auf die Ski und macht uns deutlich effizienter.
Womit werden die Anlagen betrieben?
Andreas Sturzenegger: Mit Strom aus 100 Prozent Wasserkraft.
Was sind die häufigsten «Probleme» während der Hauptbetriebszeiten, also während der Wintersaison?
Andreas Sturzenegger: Wenn wir ehrlich sind – manchmal fordern uns auch die Gäste (lacht). Technisch gesehen ist die Elektronik nicht immer bergaffin: Kälte, Wärme und Feuchtigkeit setzen sensiblen Komponenten zu. Entsprechend gehen etwa zwei Drittel der Störungen auf die Steuerung und Elektronik zurück.
Othmar Kurath: Dazu kommt die Systemkomplexität. Schulung, Routine und saubere Abläufe sind entscheidend, damit das Team im Fall der Fälle schnell richtig reagiert.
Curdin Meier: Und dann ist da das Wetter. Vereiste Komponenten, starker Wind oder plötzliche Fronten können den Betrieb beeinflussen.
Andreas Sturzenegger: Dieser Punkt wird eher zunehmen. Früher waren Prognosen stabiler; heute heisst es, die Front komme am Abend – und sie steht schon mittags da. Die Natur bleibt unser Taktgeber.
Was ist das Notfallszenario, wenn es z.B. einen gröberen Stromausfall gibt?
Curdin Meier: Jede Anlage, die nicht in Bodennähe verläuft, verfügt über einen Notantrieb. Über eine Hydraulikpumpe, gespeist vom Dieselmotor, können wir die Anlage mit den sich darauf befindenden Personen kontrolliert leerfahren, bis alle in Sicherheit sind.
Andreas Sturzenegger: Dafür gibt es europaweit geltende Vorgaben: Binnen drei Stunden müssen alle Fahrgäste am Boden sein. Dank den neuen Sesselanlagen, die mit Hauben ausgestattet sind, sind die Personen besser von der Witterung geschützt. In 90 bis 95 Prozent der Fälle reicht diese Notentleerung. Nur selten müssen wir abseilen. Wenn das Wetter es zulässt, unterstützt ein Helikopter – das ist die schnellste, aber auch teuerste Variante. Ist Abseilen im Gelände riskant, wägen wir ab und versuchen, die Anlage innert kürzester Zeit, sofern möglich, wieder in Gang zu bringen.
Was sind die grössten technischen Herausforderungen im laufenden Betrieb?
Andreas Sturzenegger: Der Schritt zum 11-Monatsbetrieb. Viele Anlagen wurden für 5 bis 6 Monate und 1’200 bis 1’500 Betriebsstunden konzipiert. Die Lenzerheide hat ein extremes Beispiel. Heute fährt die Rothorn 1 etwa 3’000 Stunden pro Jahr. Das bedeutet mehr Verschleiss, mehr Ersatzteile und Personal, angepasste Instandhaltungszyklen – und mehr Budget.
Othmar Kurath: Wir sprechen mittlerweile von rund 300 Betriebstagen pro Jahr.
Andreas Sturzenegger: Solange uns insgesamt 60 Tage für Instandhaltung bleiben, ist es machbar – verteilt über den Sommer, oft mit Wochenendbetrieb dazwischen. Weniger wird kritisch.

Arosa spricht seit Längerem über den neuen Hörnli-Express. Wo stehen wir?
Andreas Sturzenegger: Die Inbetriebnahme 2027/28 ist realistisch. Geplant sind zwei Bausommer: zuerst die Betonarbeiten; im zweiten Sommer deren Abschluss und von September bis Dezember der elektromechanische Teil. In diesem zweiten Bausommer bleiben Urdenbahn und Hörnli geschlossen. Das Gesamtvolumen inklusive Infrastruktur und Beschneiung liegt bei rund 55 Millionen Franken.
Und gibt es auch neue Projekte auf Seiten Lenzerheide? Im Dezember 2024 feierte Lenzerheide ja die Eröffnung der neuen Sesselbahn Stätzertäli.
Othmar Kurath: Wir investieren in die Beschneiung. Der Speichersee Heidbüel soll bis 2027/28 von 30’000 auf 140’000 Kubikmeter vergrössert werden, parallel erweitern wir die gesamte Schneeanlage. Ein kleineres Vorhaben ist die Erweiterung des Kinderlands Parpan mit einer neuen Anlage und einer eigenen Beschneiung; sofern die Bewilligung vorliegt, möchten wir dies nächstes Jahr realisieren. In einem Zeithorizont von bis zu zehn Jahren planen wir zudem eine Seilbahnachse im Raum Tgantieni–Scalottas sowie in Richtung Fadail/Pedra Grossa; dafür laufen bereits die Vorabklärungen. Eine Herausforderung bleibt das Thema Schutzzonen: Die Perimeter werden grösser, die Verfahren umfangreicher – machbar ist es, aber merklich teurer.
Andreas Sturzenegger: Kolleginnen und Kollegen aus der Branche, die regelmässig eine neue Anlage bauen, sagen es seit Jahren: Jedes Projekt beginnt praktisch bei null – die Anforderungen steigen kontinuierlich.
Welche technischen Voraussetzungen und Herausforderungen gibt es beim Bau in alpinem Gelände?
Othmar Kurath: Geländeverschiebungen und Rutschgefahr sind zentrale Themen. Wir wissen, wo Bewegung im Hang ist – dazu braucht es Fachberichte und entsprechende Bauweise.
Andreas Sturzenegger: Die Geologie ist zu Recht vorsichtig; Statik und Fundation müssen jede Lastvariante abbilden. Die grössten Herausforderungen sind die Vielzahl an Vorgaben – und das Klima.

Wie eng arbeiten Technik und Pistenkontrolle zusammen?
Andreas Sturzenegger: Sehr eng und nach klaren Abläufen. Die Pistenkontrolle verantwortet die Sicherheit auf der Piste, wir den Transport. Bei Sprengungen zum Beispiel, warten wir auf die Freigabe von der Pistenkontrolle. Wind und Fronten beurteilen wir auf Anlagenseite; schlechte Sicht wiederum wird von der Pistenkontrolle beurteilt, weil unsere Anlagen ja zum Beispiel auch bei Nebel weiterfahren können.
Othmar Kurath: Entscheidend ist der Gast. Wenn der Pistenrettungsdienst schliesst, bleiben die Bahnen zu, und umgekehrt. Wetterentscheidungen treffen wir gemeinsam.
Wie lange ist die Lebensdauer einer Sesselbahn Anlage?
Alle: 40 bis 50 Jahre – mit heutigem Stand der Technik und konsequenter Instandhaltung.
Wohin entwickelt sich die Technologie – neue Materialien, effizientere Antriebe, smarte Systeme?
Andreas Sturzenegger: Die Grundtechnik hat sich bewährt – ich erwarte keine Revolution. Steuerungen werden digitaler und effizienter; neue Anlagen werden für mehr Betriebsstunden ausgelegt, mit passenden Instandhaltungszyklen. Personalmangel wird uns begleiten: Wo sinnvoll, übernehmen autonome Systeme Aufgaben, damit Personal gästeorientierter eingesetzt werden kann.
Othmar Kurath: Dafür braucht es wiederum neue Kompetenzen in den Teams.
Andreas Sturzenegger: Die neue Hörnlibahn planen wir mit FOB, Fahren ohne Betriebspersonal. Einsparungen wird es vor allem im Sommer und in Schwachlastzeiten wie Dezember oder April geben.
Die Gesprächspartner
Andreas Sturzenegger, Leiter Technik Arosa
Sein Weg begann 1993 als Saisonier in Arosa, damals noch am Skilift als «Bügelgeber». Nach sechs Jahren bei Garaventa kehrte er fest nach Arosa zurück, übernahm 1998 die Verantwortung als Anlagenchef und war danach drei Jahre stellvertretender Technischer Leiter. Seit 2004 führt er die Technik in Arosa und gehört der Geschäftsleitung an. Sturzenegger kennt die Anlagen bis zur letzten Schraube und verbindet die handwerkliche Erfahrung mit einem klaren Blick für Budget, Prozesse und Sicherheit.
Othmar Kurath, Leiter Bahnen Lenzerheide
Aufgewachsen in Parpan, startete er als Saisonier zwischen Pistenbully, Werkstatt und Beschneiung und wechselte 2000 fix in die Technik. 2003 schloss er die Seilbahnfachschule ab, ab 2005 leitete er die Technik. Seit 2022 verantwortet er als Mitglied der Geschäftsleitung den Bereich Bahnen. Begleitend vertiefte er sich 2015–2017 in Dornbirn in Seilbahnmanagement und Engineering und schloss als Fachexperte ab. Kurath gilt als Brückenbauer zwischen Projektarbeit, Betrieb und Teamführung – pragmatisch, strukturiert und nah an den Leuten.
Curdin Meier, Bereichsleiter Technik Nord Lenzerheide
Aufgewachsen in Lenzerheide, gehört er zur neuen Generation der Seilbahnprofis. Im 2014 begann er die Lehre zum Seilbahnmechatroniker, sammelte danach Erfahrung im Pisten- und Rettungsdienst (Sommer Technik, Winter SOS) und schloss 2021 als Seilbahnfachmann ab. Seit 2022 führt er den Sektor Technik Nord von Churwalden bis zur Sesselbahn Cumascheals innerhalb des dreigeteilten Gebiets. Meier steht für Breite statt Nische: Er denkt vernetzt, setzt auf digitale Werkzeuge in der Instandhaltung und bleibt gleichzeitig regelmässig draussen auf den Anlagen – dort, wo Betrieb und Sicherheit jeden Tag entschieden werden.

